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Karin Pieth


 

Der Moment in dem ich mich zum erstenmal erwachsen fühlte

 

Auf diesen Moment mußte ich lange warten, aber dann kam er für mich derart überraschend, daß ich gar nicht gleich verstand, welches Ereignis sich eben ereignet hatte.

Er kam für mich in Form eines Flugzeuges, einer Piaggio aus dem zweiten Weltkrieg.

Bernd, ein Freund von meinem Vater, kam mit dieser Maschine ganz überraschend bei uns an. Er rief zwei Stunden vor dem Eintreffen an und bat meine Eltern, mich und meine Schwester sowie deren englische Freundin Sally mitnehmen zu dürfen an den Bodensee nach Friedrichshafen. Es war ein wunderschönes warmes Wochenende im August. Meine Eltern erlaubten es und brachten uns zu dem kleinen Flugplatz in der Nähe von Heilbronn.

Gespannt warteten wir auf das Eintreffen der Maschine.

Von weitem konnte ich schon den sonoren Ton des Motors vernehmen und meine Aufregung fand keine Grenzen mehr. Ich liebte die Fliegerei und nun durften wir sogar wirklich mitfliegen. Ich war damals siebzehn Jahre alt. Bernd drehte eine Runde über den Platz und hatte dann den richtigen Winkel um zu landen. Holprig setzte die Maschine auf dem Landeplatz auf und rollte übers Flugfeld auf uns zu. Nachdem der Motor abgestellt war und das Kabinendach geöffnet wurde, stieg Bernd aus. Er sah schick aus in seiner Fliegerkluft und meine Nervosität stieg als er auf uns zukam. Ich fiel ihm um den Hals. So einen Mann muß man einfach in den Arm nehmen. Diese Chance wollte ich mir nicht entgehen lassen. Meine Eltern waren davon weniger begeistert, aber mir war’s egal.

Nachdem das Begrüßungszeremoniell vorüber war und ich Vaters Belehrungen zur Kenntnis genommen hatte, durften wir einsteigen. Ute und Sally stiegen hinten ein und ich vorne neben Bernd. Was war ich stolz!!

Die Piaggio ist eine Maschine, die von Pilot und Co-Pilot geflogen werden kann, denn sie ist beidseitig zu steuern. Ich war nun der Co-Pilot und Bernd weihte mich in die Geheimnisse der Fliegerei ein. Zuerst mussten wir den Kurs festlegen. Dieses geschah mit Hilfe von Karten und UKW-Flugfrequenzen. Ich fand mit Bernds Hilfe die richtige Flugfrequenz, gab sie dem Tower durch und bat um Starterlaubnis. Bernd hatte mir erklärt wie das geht und ich machte es gekonnt nach. Was fühlte ich mich wichtig und erwachsen. Es war ein erhabenes Gefühl und ich genoss es.

Nach einer kurzen Nachfrage und einem „reddy to take off“, startete Bernd die Maschine, rollte auf die Startposition, beschleunigte auf 120 km/h und zog die Maschine an dem Steuerknüppel nach oben. Wir hoben ab.

Langsam wurde die Erde unter uns kleiner und meine Eltern verschwanden aus dem Sichtfeld. Über uns lag der unendliche Himmel und unter uns die Erde. Bernd zog das Fahrwerk mittels zwei Ruderräder ein und nahm Kurs Bodensee. Nach einigen Flugminuten hatten wir die Reisehöhe erreicht und ganz unvermittelt übergab er mir den Steuerknüppel. „Bitte flieg du“, sagte er und ließ das Ding einfach los. Ich erschrak schrecklich und meinte ganz kleinlaut: “Ne ne, das kann ich nicht.“

„Doch das kannst du, nur Mut.“ sagte Bernd und dann erklärte er mir, wie ich den Steuerknüppel zu halten hatte. “Bitte achte auf das kleine Flugzeug dort im Instrument“, sagte er „ es muß sich mit dem künstlichen Horizont decken, dann bist du auf Kurs.“

Ich nahm ihn also in die Hand. Meine ersten Lenkversuche brachten uns in den Sinkflug, weil ich ihn zu heftig nach vorne drückte und der zweiten Versuch riss uns steil nach oben, weil ich ihn zu heftig an mich zog, aber dann beim dritten Versuch klappte es. Ich hielt die Maschine in der waagerechten. Das kleine Flugzeug auf dem Fluginstrument hatte wieder die richtige Position gefunden. Mein Gefühl für die Bewegung des Steuerknüppels hatte sich recht schnell eingestellt und so flog ich nun tatsächlich die Maschine ohne Bernds Hilfe.

Er lobte mich und ich wurde ganz stolz. Ich fühlte mich so richtig erwachsen und groß und auch als Korrekturen geflogen werden mussten, weil die Flughöhen sich änderten, machte ich dieses ohne Hilfe. Bernd sagte was zu tun ist und ich tat `s. So kamen wir nach etwas mehr als zwei Stunden am Bodensee an. Bernd übernahm wieder das Steuern der Maschine und brachte uns alle sicher wieder auf die Erde. Ich durfte beim Landeanflug das Fahrwerk ausfahren und nach der Landung die Maschine abstellen.

Vor uns lagen drei wunderschöne Tage, die ich niemals vergessen werde. Sie waren die ersten Tage meines Lebens, in denen ich mich erwachsen fühlte, weil man mir das Gefühl geschenkt hatte, etwas zu können.


 







 

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